Editorial

Vergebung oder Versöhnung?  (Graziano Crepaldi)

„Vielmehr wissen wir: Wenn jemand zu Christus gehört, ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen; etwas ganz Neues hat begonnen! Das alles ist Gottes Werk. Er hat uns durch Christus mit sich selbst versöhnt und hat uns den Dienst der Versöhnung übertragen. Ja, in Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt, sodass er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnet; und uns hat er die Aufgabe anvertraut, diese Versöhnungsbotschaft zu verkünden.“ (2. Korinther 5, 17-19)

In den letzten Jahren wurden wir mit vielen herausfordernden Konflikten konfrontiert, und wir setzten uns stark für Versöhnung und Heilung zwischen vielen bitteren, feindseligen und verletzten Menschen ein. Die meisten von ihnen erzählten uns, dass sie keine Probleme mit den anderen hätten,  sowie jedem vergeben haben. Doch beobachten wir immer wieder, dass trotz Vergebungsprozess die vorher warmherzigen Beziehungen erkalteten und auf Distanz blieben. Unsere Frage war: Wenn jeder den anderen vergeben hat, wieso haben wir dann trotzdem so viele Spaltungen und zerbrochene Beziehungen in unseren Familien und Teams? Wir realisierten Folgendes: Das ledigliche Bitten um Vergebung brachte nicht die Art von Wiederherstellung, die Jesus Christus dieser zerbrochenen Welt schenken möchte. Und schmerzhaft haben wir festgestellt, dass viele Menschen gar nicht wirklich erneuerte Beziehungen wollen. Wir haben entschieden, die Prinzipien, welche Jesus in Matthäus 18, 15-20 lehrte, als Basis zu nehmen, und wir haben in der Heiligen Schrift folgende Zusammenhänge untersucht: Bekennen, Umkehr, Vergebung, Rückerstattung und echte Versöhnung. Seit dem Anfang unseres Laufes mit Gott sind wir mit diesen Worten vertraut – aber sind wir uns der wahren Bedeutung von Vergebung und Versöhnung tatsächlich bewusst? Paulus warnte seinen Jünger Timotheus (1. Tim. 3, 2-5) vor den Gefahren von Menschen mit falschen Motiven, die auf eine äusserliche Form von Göttlichkeit Wert legen, jedoch an geistlicher Tiefe mangeln. Dies bedeutet, dass ihr Alltag wenig bzw. keinerlei verändernde Kraft der Botschaft vom Königreich Gottes beinhaltet.

Die Jünger von Christus wol-len ein vergebendes Herz haben, so wie Christus es in Seinem Dienst veranschaulichte (Luke 23, 34) und so, wie Gott sich uns Sündern offenbart (Kol. 3, 13). Wir haben festgestellt, dass die Gläubigen oft Vergebung für ihr eigenes Wohlbefinden aussprechen, das heisst, da-mit ihre Sünden vergeben werden können – und weil sie Angst haben vor weiteren Konsequenzen.

Wir alle sind uns bewusst, wie zerstörerisch ein verbittertes Herz, das nicht umkehrt, für eine einzelne Person, eine Familie oder für den Leib Christi sein kann. Eine Person, die fähig ist, zu vergeben und die geduldig sowie bereitwillig darauf wartet, Beziehungen wiederherzustellen, weiss sehr wohl – wie wir es in Matthäus 18, 21-35 lesen –, dass wir für unsere Sünde zuerst vor Gott Verantwortung übernehmen müssen und dann auch vor den Menschen, gegen die wir gesündigt haben. Wir wissen, dass das Wort Vergebung für Gott ein extrem wichtiges und kostspieliges Wort ist. Dort, wo keine Reue/Umkehr stattfindet, vergibt Gott nicht; aber Gott zeigt Gnade und Barmherzigkeit, indem Er Sünder durch aufrichtige, göttliche Umkehr zu sich einlädt. 

Schritt 1

Die Schritte, welche wir machen sollen, werden in Jakobus 5, 16 deutlich erklärt: „Darum bekennt einander eure Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet.“ und noch klarer steht es in Matthäus 5, 23-24 geschrieben: „Wenn du also deine Gabe zum Altar bringst und dir dort einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, dann lass deine Gabe dort vor dem Altar; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder! Danach komm und bring Gott deine Gabe dar.“ Es gilt, alles, was zwischen zwei bekennenden Gläubigen steht, zu klären, und Jesus fordert uns auf, versöhnt miteinander zu sein! Versöhnung bedeutet, dass jemandes Haltung sich ändert und Dinge untereinander richtig gestellt werden. Daher geht Versöhnung tiefer als das Bitten um Vergebung: Versöhnung ist die Wiederherstellung einer Beziehung, welche durch Sünde zerstört worden ist. Versöhnung ist die Frucht von Bekennen, Umkehr und Vergebung (2. Korinther 7, 8-13). Gott will viel mehr als Vergebung! Er sehnt sich danach, uns völlige Wiederherstellung zu schenken. Interessant, dass das Wort Erneuerung/Wiederherstellung im Wörter-buch wie folgt beschrieben wird: sorgfältig vollenden, reparieren, heilen, durch Geduld und Beharrlichkeit vollkommen machen – ist es das, was du brauchst?

Oder wenn dir bei jemand anderem auffällt, dass er sündigt: „... jemand von euch soll diese Person wieder auf den richtigen Weg zurückführen. Seid euch dabei Folgendes bewusst: Wer einen Sünder von seinem Irrweg zurückholt, wird ihn vor dem Tod retten und eine Vielzahl an Sünden bedecken.“ (Jakobus 5, 19-20) und nochmals in Matthäus 18, 15: „Wenn dein Bruder (gegen dich) sündigt, dann geh zu ihm und teile ihm seine Sünde (Übertretung) unter vier Augen mit. Wenn dein Bruder auf dich hört, dann hast du ihn zurückgewonnen.“ Oder in Lukas 17, 3 steht geschrieben: „Nehmt euch also in Acht: Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, weise ihn zurecht; und wenn er sein Unrecht einsieht (Busse tut und umkehrt), vergib ihm.“

Aktive Versöhnung

Wir haben eine Verantwortung, in Liebe zu handeln und nicht in Passivität zu verfallen! Gott verlangt dies! In den genannten Versen sehen wir deutlich, dass die entsprechenden Konflikte zeitnah sowie auf eine direkte Art und Weise angesprochen wer-den müssen. Gott ist die Versöhnung einer Beziehung wichtiger als die nächste „Anbetungs-Erfahrung“ oder eine evangelistische Aktivität. Ist das auch unsere Haltung? Hast du die Bereitschaft, die Menschen, welche dich verletzt haben – oder umgekehrt: diejenigen, welche du verletzt hast – zu treffen und dein Herz zu öffnen? Vor ein paar Jahren versuchten wir, uns mit einigen Freunden zu versöhnen, und wir versuchten ein Wiedersehen zum gemeinsamen Austausch und Gebet in die Wege zu leiten. Jedoch überraschte uns ihre Antwort: Die Freunde teilten uns mit, sie hätten den Eindruck, dass ein Treffen mit uns nicht Gottes Weg zur Versöhnung wäre, sondern dass ihr Leiter sie angewiesen hätte, den Geist des Antichristen zu bekämpfen und so würde der Konflikt mit der Zeit von selber abflauen.  So wurde der Konflikt nicht gelöst und innerhalb weniger Wochen verbreiteten sich Gerüchte, und das Geschwätz der Leute verschlimmerte die Situation noch viel mehr. Erkennst du, wie sehr Religiosität uns vom Modell der Bibel im Hinblick auf Versöhnung weggebracht hat? Es wäre viel einfacher gewesen, den Weg von Jesus zu wählen aber negative Erfahrungen in der Vergangenheit, ein niedriger Selbstwert, Stolz und insbesondere Ängste standen im Wege, dem Vorbild von Christus zu folgen.

Echte Umkehr in Christus

Wie erkennst du, ob eine wahre Umkehr geschehen ist? Das Verstehen von Gottes Versöhnung bedingt ein Verständnis von Gottes Sicht von Sünde, Trauer, Reue, Bekennen, Umkehr, Gerechtigkeit und Wiederherstellung. Sünde beginnt nicht erst mit äusserlichen Taten des Ungehorsams. Durch die geistliche Neugeburt hat eine Person das Bedürfnis, in Einheit mit Gott und anderen Gläubigen zu sein. Nur Gott kann dieses innere Sehnen auffüllen. Aber der Mensch wendet sich in seinen sündigen Gewohnheiten auf der Suche nach Liebe und Annahme an sein Ego. Das Ego setzt Kontrolle und Macht ein, um  die eigenen Bedürfnisse zu stillen und sich zu schützen. Das Ego lehnt Versuche, die Lieblingssünden eines Sünders zu korrigieren, entschieden ab. Daraufhin rationalisiert es biblische und säkulare Werte, Glaubens-Ansichten und Verhaltensweisen, wobei die Einheit mit Gott, Seiner Wahrheit und Seinem Volk abgelehnt werden.
Es wird keine Einheit errungen durch das ledigliche Aus-sprechen von „Ich habe gesündigt, bitte vergib mir.“ Gott fordert den Gläubigen, welcher mit Sünde weiter macht dazu auf, sich mit Ihm und den Mitmenschen durch göttliche Trauer richtig zu stellen. Diese Überführung bringt uns zum Bekennen und zur Umkehr (2. Korinther 7, 9-11) und bewegt uns zu Versöhnung. Versöhnung ist ein biblisches Konzept, welches den gefallenen Menschen anspricht, damit er – durch Christus – völlige Wiederherstellung hin zu Gott erfährt... 

„Er hat die Mauer niedergerissen, die zwischen ihnen stand, und hat ihre Feindschaft beendet. Denn durch die Hingabe Seines eigenen Lebens hat er das Gesetz mit seinen zahlreichen Geboten und Anordnungen außer Kraft gesetzt. Sein Ziel war es, durch die Verbindung mit Ihm selbst aus zweien einen neuen Menschen zu machen und auf diese Weise Frieden zu schaffen.“ (Epheser 2, 15)

Schritt 2

Was geschieht, wenn jemand keine Bereitschaft zeigt, sich mit dem Gegenüber zu treffen oder Busse zu tun? Wenn das Problem unter vier Augen nicht gelöst werden kann und erfolglos Umkehr und Versöhnung angestrebt wurde (Schritt 1 von Matthäus 18), sollen zwei oder drei Zeugen dazu kommen.

In Matthäus 18, 16 lesen wir: „Aber wenn er nicht auf dich hört, dann geh mit einem oder zwei anderen Zeugen noch einmal zu ihm, denn jede Angelegenheit soll aufgrund der Aussagen von zwei oder drei Zeugen entschieden werden.“ Das Konzept eines Zeugen (jemand, der festhielt/beobachtete, was gesagt wurde und bezeugte, was gemacht wurde) hängt mit der Verantwortung jedes Gläubigen zusammen, in Liebe und Respekt zu konfrontieren, zu ermahnen, zurechtzuweisen und sich konfrontieren zu lassen, wie wir in Lukas 17, 1, 1. Timotheus 5 und Galater 6 dazu angewiesen werden. Christus verspricht uns, dass er in diesem Prozess mit uns ist und uns helfen wird und die christliche Gemeinschaft schützen wird. Alle Konflikte können gelöst werden, indem die Bibel umgesetzt wird. Diejenigen, welche Hilfe zur Versöhnung beanspruchen, sind dazu aufgefordert, sich jeglicher biblischen Lösung unterzuordnen, wobei sie Hebräer 13 anwenden.

Schritt 3

Wenn Umkehr und Versöhnung nicht bei Schritt 1 und 2 von Matthäus 18 erreicht worden sind, ist es die Verantwortung des Einzelnen sowie der Zeugen, sich nun an die Gemeinde zu wenden. In Matthäus 18, 17 lesen wir: „Will er auch auf diese nicht hören, dann bring die Sache vor die Gemeinde. Will er auch auf die Gemeinde nicht hören, dann soll er in deinen Augen wie ein gottloser Mensch sein – wie ein Heide oder ein Zolleinnehmer.“ Die ersten Jünger von Christus nahmen dieses Gebot, „es der Gemeinde zu sagen“, wortwörtlich. Wenn Mitglieder der Gemeinschaft einander Vorwürfe machten, standen sie in der Gemeinde auf und erklärten ihre Auseinandersetzungen. Die ganze Gemeinschaft hörte dabei zu und versuchte, zu schlichten. Das Treffen konnte nicht fortgesetzt werden, bis beide Seiten versöhnt waren, oder die schuldige Seite – falls sie nicht zur Umkehr bereit war – von der Versammlung verwiesen worden war. Jesus betete (Johannes 17, 23) für Einheit unter den Jüngern und für unsere Gemeinschaft. Die Einheit in Christus ist durch Sünde zerbrochen. Versöhnung von gefallenen Gläubigen ist jedermanns Verantwortung – dabei ist die Wiederherstellung eines Sünders hin zu Christus und seiner geistlichen Familie ein sehr wichtiger Dienst der Gemeinde.

Leiter konfrontieren

Kann man gefallene Leiter wiederherstellen? Dis-qualifizieren gewisse Sünden Leiter für immer? Im 1. Timotheus 5, 17-22 steht geschrieben: „Weise jede Anschuldigung gegen einen Ältesten zurück, es sei denn, zwei oder drei Zeugen bestätigen die Richtigkeit der Anklage.“ Die Bibel macht keinen Unterschied zwischen Sünden eines Leiters und denjenigen von weiteren Gläubigen. 1. Timotheus 5, 19-20 verlangt zwei oder mehr Zeugen, um einen Leiter/Ältesten bei einem Gericht anzuklagen. In Matthäus 18, 16 zitiert Christus 5. Mose 19, 15, wobei zwei oder mehr Zeugen im Fall eines Verbrechens oder eines Verstosses benötigt werden. Leiter sind menschlich und sündigen, und sie unterstehen denselben geistlichen Schritten hin zur Versöhnung wie alle bekennenden Gläubigen mit einem zusätzlichen Schritt... sie sollen des Weiteren öffentlich zurechtgewiesen werden, so dass andere Gläubige Ehrfurcht davor haben, überhaupt zu sündigen. Es gibt manche Beispiele von Leitern, die in der Bibel konfrontiert werden. Petrus sündigte, indem er eine Irrlehre praktizierte, als er die Gläubigen lehrte, jüdische Gesetze zu befolgen (Galater 2); aber er reagierte angemessen auf Paulus’ öffentliche Zurechtweisung und tat unverzüglich Busse bzgl. seines Verfehlens. Hymenaeus und Alexander sind zwei Beispiele von Lehrern, die sich vom Glauben abwandten (1. Timotheus 1, 3-20 und 2. Timotheus 2, 14-19). Ihr kontinuierliches Teilen von Irrlehren führte dazu, dass sie aus der Gemeinde verwiesen wurden, und sie wurden Satan zur Korrektur ausgehändigt. Die Bibel zeigt Folgendes auf: Wenn ein Leiter hartnäckig ungehorsam ist und/oder sich längerfristig Versöhnung widersetzt bzw. diese ablehnt (Matthäus 18,15-20), qualifiziert er sich nicht länger als Leiter und sollte aus der Gemeinde entfernt werden. Aus diesem Grund wird ein Leiter aus seinem Amt entlassen, weil er nicht mehr die Voraussetzungen von Leiterschaft (1. Timotheus 3 und Titus 1) erfüllt. Der entlassene Leiter hat die Voraussetzungen für Leiterschaft wieder zu erfüllen, indem er im Verlauf der Zeit göttliche Frucht sowie einen reifen Glauben vorzeigt, der nicht mehr länger unter Tadel steht, bevor er wieder für Leiterschaft in Betracht gezogen wird.

Zusammengefasst geht es bei den 3 Schritten um Folgendes: Sobald Zwiespalt sichtbar wird, sollen wir alles uns Mögliche dafür tun, um im Frieden miteinander zu leben. Wenn ein anderes Gemeindemitglied gegen uns sündigt, sind wir dazu aufgerufen – statt Vergeltung zu üben – dem Gegenüber diese 3 Möglichkeiten zur Umkehr sowie Versöhnung anzubieten. Christus hat Seine Liebe für uns verdeutlicht, indem Er uns mit Gott versöhnt hat. Und insbesondere durch gegenseitige Vergebung beginnen wir, die Liebe von Christus einander und der Welt vorzuleben. Wir möchten dich dazu ermutigen, für die Leute, mit welchen du in der Vergangenheit Konflikte und Uneinigkeiten hattest, zu beten. Zudem: Setze dich damit auseinander, wie du das, was Jesus in Seinem Leben über Konfliktbewältigung gelehrt hat, praktisch umsetzen kannst. Lasst uns – alle Gläubigen – in  Verbindlichkeit und biblischer Liebe den Dienst der Versöhnung praktizieren.

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